Abschluss der 2. GEKE-Gottesdienstkonsultation

„Glastüren statt Holzbretter“. Und: Gott braucht kein Opfer

Unter dem Titel „Für euch gegeben – und was haben wir davon?“ fand von 9.-11. November 2016 in Wien die Zweite Gottesdienstkonsultation der GEKE statt. Sie knüpfte an einem Grundgedanken der Leuenberger Konkordie (1973) an, wonach Kirchengemeinschaft sich in Gottesdienst- und Abendmahlsgemeinschaft manifestiere. 50 teilnehmende ExpertInnen für Liturgie und Kirchenmusik aus 15 europäischen Ländern und 28 Kirchen diskutierten aber nicht nur über Abendmahlstheologie, sondern feierten auch miteinander Abendmahlsgottesdienste. Damit wurde ein Wunsch aus der Ersten Gottesdienstkonsultation (Hildesheim 2014) aufgegriffen und sowohl das feiernde, als auch das Element der praktischen Anwendung herausgestrichen.

Das konkrete Datum der Konsultation fiel mit dem Gedenken an die Reichspogromnacht (9. November) zusammen, aber auch mit der Bekanntgabe des Wahlergebnisses der US-Präsidentenwahl und dem 1. Jahrestag der Anschläge von Paris auf den Konzertsaal Bataclan. Es zeigte sich, dass beim Feiern der Eucharistie Gedanken an schwierige Situationen und Entwicklungen nicht ausgeblendet werden können. Vielmehr schöpften die TeilnehmerInnen gerade daraus Zuversicht. Die  Vielfalt der vorgestellten verschiedenen Abendmahlsliturgien wurde als große theologische Bereicherung empfunden, gleichzeitig aber auch intensiv erlebt: Wir sind ein Leib Christi, getragen vom Evangelium. Die konfessionelle, regionale und sprachliche Vielfalt der KonsultationsteilnehmerInnen erwies sich hier als äußerst fruchtbringend.

Prof. em. Dr. Wilfried Härle thematisierte in seinem Vortrag den Zusammenhang von Abendmahl und Opfer(tod Christi) und versuchte, besonders zu heutigem (säkular geprägtem) Verständnis eine Brücke zu schlagen. Sind wir wirklich alle so schlimme Sünder? Will, ja braucht Gott ein Opfer? Und wer opfert eigentlich was, und wem? Äußerliche Fragen zur Abendmahlsfeier wie jene nach der Verwendung „richtiger“ Kelche seien von Fall zu Fall zu lösen, Bedenken in jede Richtung ernst zu nehmen. Kern der Abendmahlsfeier sei die bedingungslose Hingabe Gottes zu den Menschen durch Jesus Christus. Die Botschaft: Gott versöhnt uns, nicht wir ihn. So werden wir heil.

In Workshops wurden aktuelle praktische Fragen bearbeitet: Warum ist es selbstverständlich, dass auch Kinder zum Abendmahlstisch eingeladen sind, und wie gelingt es uns, ihnen den Kern des Abendmahls nahe zu bringen? Wie gestalten wir die Feier sprachlich verständlich und poetisch? Wo bedürfen Formen einer Renovierung, ja Entrümpelung? Deutlich stellte sich heraus, dass das Unverwechselbare, Wiedererkennbare der Abendmahlsfeier bei aller gegebenen Vielfalt in den Einsetzungsworten liegt. Sie versprechen, dass Gott ganz für uns da ist.

Weitere Fragen waren: Können wir im Abendmahl wirklich alle Menschen erreichen? Wie kann man einerseits offen sein und andererseits trotzdem theologisch verantwortlich handeln? Was meinen wir mit „Gott lädt alle ein“? Wer sind „alle“: Alle Konfirmierten, alle Getauften, alle Menschen? Ist die Taufe bzw. der Unterricht Voraussetzung oder „reicht“ die bloße Bereitschaft, der Wunsch teilzunehmen? Auch die Frage nach der Beichte in enger Verbindung mit dem Abendmahl wurde angeschnitten, in dem Bewusstsein, dass viele evangelische Gemeinden diese Verbindung hoch schätzen. Einigkeit bestand aber darin, dass das Abendmahl einen großen Reichtum an theologischen Aspekten bietet und daher eine Zuspitzung auf die Frage von Schuld und Sündenvergebung nicht die einzige Perspektive ist.

Auch die Begriffe „Feier“ und  Fest  wurden diskutiert, stellte sich doch heraus, dass gerade die Abendmahlssituation, unabhängig vom Thema des Gottesdienstes, oft von der Stimmung her als düster empfunden wird. „Die gesamte Tonalität ist Karfreitag“, so eine Teilnehmerin, dabei könne doch auch auf Emmaus abgestellt werden und nicht nur auf das letzte Mahl. Nicht nur, aber gerade an diesem Punkt kam auch die Musik ins Spiel. Die Öffnung des Liedgutes in Richtung populärer Formen unter österlichen Vorzeichen wurde geradezu als ein Muss angesehen. Bei der Konsultation und in den Gottesdiensten wurde das soeben erschienene Liederbuch „Freitöne“ verwendet. Die Mitwirkenden brachten aber auch Lieder aus ihren Kirchen und Ländern (viele bereits mehrsprachig vorliegend) mit.

Die Schweizer Neutestamentlerin Luzia Sutter Rehmann nahm die TeilnehmerInnen der Gottesdienstkonsultation auf eine biblische Reise mit und arbeitete an Hand von Mahlgeschichten heraus, dass die Zeit, in der Jesus wirkte, ja das ganze 1. Jahrhundert eine schlechte, eine Hungerzeit war, oder, wie Sutter Rehmann es auf den Punkt brachte: „eine permanente Nachkriegszeit“. Aufstände und Misswirtschaft unter Herodianern und Römern und das ausgeprägte Desinteresse der Obrigkeiten an den Lebensumständen der Bevölkerung führten dazu, dass das Leben vieler Menschen um die ganz elementare Nahrungsbeschaffung kreiste. „Blendet das Leibliche nicht aus!“, so Sutter Rehmann mit Blick auf die Abendmahlsfrage. Körperlicher Hunger und das Teilen des Vorhandenen sollten ernstgenommen werden. Sogleich zu spiritualisieren und auf die geistliche Nahrung abzuzielen, sei fehl am Platz. Essen miteinander zu teilen, sei eine fundamentale Lebenserfahrung, umgekehrt müsse, wer „sein Brot nicht verdienen kann“, wegziehen, die Stadt, das Land verlassen, und sich auf die Suche begeben.

Was bleibt zum Mitnehmen aus einer Konsultation zum Thema „Abendmahl“, außer natürlich den starken persönlichen Eindrücken und den vielen neuen Kontakten?

Die brisante Frage nach der Öffnung des Abendmahls steht als große Aufgabe vor den Kirchen.  Dabei kann es zunächst hilfreich sein, mit dem Kirchenraum und der Architektur zu beginnen. So berichtete der schottische Delegierte: „Eine Gemeinde nach der anderen entfernt bei uns die jahrhundertealten schweren Holz-Kirchentore und baut Glastüren ein, die den Blick ins Kircheninnere freigeben.“ Alle Gemeinden, die diesen Schritt gegangen seien, würden Zuwächse im Gottesdienstbesuch verzeichnen. Die dänischen Delegierten möchten außer der Weiterarbeit an einer neuen Agende möglichst viele der neuen Lieder ins Dänische übersetzen. Auch die Waldenser in Italien brauchen dringend neues Liedgut, denn – so ihr Delegierter-  „wir reden in der Predigt doch auch anders als vor 100 oder 200 Jahren“. Die vielfältigen Pläne für die Weiterarbeit gipfelten in den Fürbitten am Ende der Konsultation um Kraft für die anstehenden Arbeiten und dem Zuspruch des Reisesegens (Prof. Dr. Jochen Arnold, Liturgiebeauftragter der GEKE).

Eine nächste, dritte GEKE-Gottesdienstkonsultation (wegen des Reformationsjubiläums und der 2018 stattfindenden Vollversammlung frühestens ab 2019) könnte im Zeichen aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen stehen. Stichworte aus der Gruppe dazu waren etwa Liturgien im öffentlichen Raum und die (multi-)religiöse Entwicklung in Europa. Als Ort fiel spontan der Vorschlag „Paris“ als Brennpunkt vieler anstehender Fragen.

Abendmahl - und was haben wir nun wirklich davon? Die Provokation der Themenstellung wurde bei der Konsultation durchaus wahrgenommen. Die Antwort einer Delegierten: in aller Verschiedenheit von Fragestellungen und Praktiken der einzelnen Kirchen höre sie doch immer wieder das „Du“ und „Dich“ im Abendmahl heraus. Christus gehe über den einzelnen hinaus, und „je größer die Vielfalt, desto mehr haben wir davon.“

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