Bibelwoche der GEKE 2008

Protestanten als Alltagskünstler

Von Lettland bis Italien, von Wales bis Rumänien, aus lutherischen, reformierten und unierten Kirchen, aus der Kirche der Böhmischen Brüder und der Waldenser kamen sie: Gemeindeglieder evangelischer Kirchen Europas nach Berlin zur jährlichen Bibelwoche der GEKE. Das Thema, das sie zusammenführte, war allerdings alles andere als „typisch protestantisch“. Um Kunst und Protestantismus ging es, um Kunst in der Kirche und im Alltag der Protestanten, und schließlich um protestantische Lebenskunst.

Was protestantische Alltagskunst sein könnte, das umriss der Altbischof der lutherischen Kirche Österreichs, Mag. Herwig Sturm: ein Leben im Horizont der Freiheit, das offen ist für die überraschende Begegnung mit dem Anderen. „Diese Offenheit verbindet protestantische Lebenskunst mit Kunst schlechthin“, so Sturm. Jedoch, auch das vergaß Sturm nicht zu erwähnen, was prinzipiell gut zusammenpasst, darin haben die Protestanten wenig Übung. Im Atelier des Glaubens wird der Protestant unsicher: wo es nichts zu arbeiten gibt, sondern gespielt werden darf, wo es keine eindeutigen Botschaften gibt, sondern vieldeutige Bilder, wo nicht mehr die Leistung zählt, sondern der Genuss sich zeigt, da schwindet das Selbstbewusstsein. In protestantischen Ländern ist man gebildeter, aber man kocht schlechter, so Sturm mit einem Augenzwinkern, das vor allem eines zeigte: die Kunst der Protestanten, mit den eigenen Defiziten umzugehen.

So wurde die Berliner Bibelwochen-Welt kurzerhand in ein Atelier verwandelt. Die Alltagskünstlerin Tina Schwichtenberg zeigte, wie nahe Alltag und Kunst liegen – zum Beispiel, wenn sie von Passanten kleine Geschenke erbittet und daraus ein überraschend schönes Mosaik zusammenstellt. Oder wenn sie Steinmehl nimmt, um Namen von KZ-Opfern auf dem Boden mühsam sichtbar zu machen und beim nächsten Wind verschwindet alles in Kürze wieder. Aber auch beim Besuch in Kirchen und Museen wurde die neue Sichtweise geübt: in großen Kunstwerken das Alltägliche zu entdecken heißt umgekehrt lernen, das Alltäglichen als Kunstwerk zu sehen, als Möglichkeit der Begegnung mit dem ganz anderen, ja dem Heiligen.

Dass das Wesentliche einer Kirche nicht über das Wort sich vermitteln muss, sondern durch Bild- und Klangkunst, das machten Beispiele aus Italien und Lettland deutlich. Für die Waldenser kam ein Bild ins Spiel: in Brüchen im Felsgestein wurzelt ein Baum, der knorrig und mit abgeschlagenen Seitenzweigen noch oben ragt und doch ganz oben seine Krone entfaltet. Darin das Motto der Apokalypse: Sei getreu bis in den Tod … Ein Bild, das im zweiten Weltkrieg entstanden ist, viel sagt über diese Zeit und den Geist der Waldenser. Die lettische evangelische Kirche wurde nicht nur mit Zahlen und Daten vorgestellt, sondern mit Musik, mit einem Lobpreis, der deutlich machte, welche Kraft die „singende Revolution“ in Lettland hatte. Und die GEKE – sie lässt sich vielleicht besser symbolisieren über ihr Gesangbuch „Colours of Grace“ und den dazu passenden Regenbogenschal als viele Erklärungen und Bücher

Lehren, so eine Teilnehmerin, kann man nicht mit nach Hause nehmen, aber Impulse – etwa den, den Gottesdienst selber als liturgisches Kunstwerk zu sehen und zu gestalten. Und dass in den evangelischen Kirchen die Kunst einen größeren Raum einnehmen sollte, das wurde von den meisten bestätigt.

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